Mentale Stärke ist keine Gabe, sie ist ein Muskel!

Mentale Stärke gilt als Charaktereigenschaft: Man hat sie oder man hat sie nicht. Alexander Zverevs Weg zum US-Open-Titel zeigt etwas anderes. Der Junge, dem Ärzte den Leistungssport ausgeredet haben, steht 23.000 Zuschauern gegenüber, die gegen ihn sind, und bleibt ruhig. Was wir für Charakter halten, ist in Wahrheit Entwicklungsstand – und genau diese Verwechslung entscheidet in Unternehmen täglich darüber, wem wir etwas zutrauen und wem nicht.

ein Beitrag von
Wolfgang Jenewein

Dieser Kommentar erschien
am 14. September 2026 auf focus.de.

 

Zur Kolumne

«Gut, aber nicht gut genug.» Diesen Satz hat Alexander Zverev fast sein halbes Leben lang gehört.
Der Unvollendete. Der ewige Zweite. Der mit der besten Rückhand der Tour und dem falschen Kopf. Vier Grand-Slam-Finals hat er verloren. 2020 in New York mit zwei Sätzen Vorsprung, im Juli noch in Wimbledon. Und weil er inzwischen 29 ist, war das Urteil längst gesprochen: Sein Fenster ist zu, die Jungen kommen, der holt das nie mehr.

Tennis spielen konnte er dabei immer. Aufschlag und Rückhand gehören seit zehn Jahren zum Besten, was dieser Sport zu bieten hat. Was ihm fehlte, war nie die Technik. Es war der Kopf.

«Wir halten für Charakter, was in Wahrheit Entwicklungsstand ist und wundern uns dann, dass Menschen genau so werden, wie wir sie eingeschätzt haben.»

In der Nacht zum 14. September 2026 dann das Arthur Ashe Stadium. Die grösste Tennisarena der Welt, über 23.000 Zuschauer, das lauteste, undisziplinierteste Publikum dieses Sports. Und fast jeder dort für den Amerikaner Ben Shelton. Drei Stunden und 33 Minuten lang.

Zverev zitterte nicht. Er wankte nicht. Er blieb ruhig, aufrecht, selbstbewusst – Punkt für Punkt, auch als Shelton den dritten Satz holte und die Halle explodierte. 6:3, 7:6, 5:7, 6:2. Der erste deutsche Sieger in New York seit Boris Becker 1989. Nach Roland Garros im Juni sein zweiter Grand Slam in diesem Jahr.

Zu seinem Team sagte er bei der Siegerehrung: «Wir haben fast 30 Jahre auf den Titel gewartet und jetzt haben wir zwei in einem Jahr.» Am meisten beeindruckt mich aber nicht der Pokal, sondern der Matchball.

Zverev war so im Tunnel, dass er erst nicht merkte, dass er gewonnen hat

Zverev schlägt auf, er macht den Punkt, das Stadion erhebt sich und er dreht sich um und macht sich bereit zum Return. Er hat gar nicht gemerkt, dass er gewonnen hat. So tief war er drin. So sehr war er im Tunnel und so wenig hat ihn interessiert, was um ihn herum passierte.

Albert Bandura nannte das Selbstwirksamkeit: die Überzeugung, eine Situation aus eigener Kraft bewältigen zu können. Sein zentraler Befund war nicht, dass die einen sie haben und die anderen nicht, sondern dass sie wächst, mit jeder bewältigten Erfahrung. Man kann sie verlieren. Und man kann sie sich zurückholen. Zverev ist der Beweis.

Mindset ist kein Geschenk, Mindset ist entwickelbar

Mit vier Jahren wurde bei ihm Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Die Ärzte sagten damals, Leistungssport sei damit nicht möglich.

Dasselbe Muster sehe ich täglich in Unternehmen. Wir sortieren Menschen viel zu früh aus. Der ist Führungskraft, der nicht. Die hält Druck aus, die nicht. Wir halten für Charakter, was in Wahrheit Entwicklungsstand ist und wundern uns dann, dass Menschen genau so werden, wie wir sie eingeschätzt haben.

Auch bei uns in Deutschland wird gerade viel über Stillstand geredet, über verlorene Jahre, über abgehängt sein. Ein Deutscher in New York hat gestern etwas anderes gezeigt: Abgeschrieben ist nicht dasselbe wie am Ende.

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