Keiner ist zu gross für kleine Aufgaben

Der Philosoph Nassim Taleb spricht in seinen Büchern vom sogenannten “Kellner-Test”. Wie jemand mit Kellner:innen umgeht, sagt sehr viel über deren Charakter aus.

Hier das Pendant dazu aus unserem Arbeitsalltag:
Es gibt zwei Arten von Führungskräften: die einen reden im Seminar von Werten und „Servant Leadership“ – und die anderen helfen nach dem Workshop mit die Stühle zu stapeln.

Ich weiss, was viele jetzt denken: „Das hat doch nichts mit Führung zu tun.“
Oder: „Das ist doch Zeitverschwendung für jemanden mit dieser Verantwortung.“

Ich sehe das anders. Denn genau in solch kleinen Momenten des Alltags zeigt sich Haltung. Demut. Charakter.

Ein weiteres schönes Beispiel liefern die New Zealand All Blacks, das wohl erfolgreichste Rugby-Team der Welt – mit einer Siegesquote von über 75% über Jahrzehnte hinweg.

Und doch zeigt sich ihre wahre Grösse nicht auf dem Spielfeld – sondern danach.
Nach jedem Spiel, Sieg oder Niederlage, bleiben einige Spieler zurück. Sie nehmen Besen und Müllsäcke und putzen die Kabine. Die All Blacks nennen es: “Sweeping the Sheds” (sinngemäss: die Kabine wischen).

Es ist ein fest verankertes Ritual. Gelebte Kultur. Und ein Zeichen von Demut und Respekt.

Der Gedanke stammt aus ihrem internen Werteprogramm „Legacy“. Darin steht: „Better people make better All Blacks.“

Der Coach der All Blacks Graham Henry sagte einmal: „If you take care of the character, the results take care of themselves.“

Dieses Ritual bewirkt drei Dinge:

1) Es bricht das Ego: Nach dem Auftritt auf der grossen Bühne bzw. im Stadion erinnert es daran, dass niemand über den anderen steht.

2) Es schafft Gleichwürdigkeit: Wenn der Captain mit dem Neuling den Boden wischt, entsteht Verbindung statt Distanz.

3) Es macht Kultur sichtbar: Werte werden nicht erklärt, sie werden gelebt.

Richie McCaw, der als bester All Blacks Spieler aller Zeiten gilt, brachte es auf den Punkt: „You’re just a custodian of the jersey.” Du besitzt das Trikot nicht. Du darfst es nur für eine Zeit tragen.

Deine Aufgabe ist, es in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als du es bekommen hast.

Genau das gilt auch für Führung.

Demut heisst nicht, sich kleinzumachen oder den eigenen Wert zu leugnen. Es bedeutet auch nicht, sich ständig zurückzunehmen oder alles allen recht zu machen.
Demut ist Klarheit über das eigene Gewicht – und über die Grenzen der eigenen Wichtigkeit. Die eigene Rolle realistisch einzuordnen.

Ein demütiger Leader weiss: Er/sie ist Teil des Ganzen, nicht das Zentrum davon.
Er/sie führt, ohne sich über andere zu stellen.
Er/sie besitzt Macht, ohne sie zu missbrauchen.
Er/sie kennt seine Stärken – und bleibt trotzdem lernbereit.

Demut ist im Kern Ego-Management.

Dieser Beitrag wurde von Zani Sharifi am 25.11.2025 auf LinkedIn veröffentlicht. Zum Original-Beitrag

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