Wenn helden fallen: wo endet mut und wo beginnt fahrlässigkeit?
am beispiel von lindsey vonn und aleksander kilde

Starthaus Ski

Mit feuchten Händen und gedrückten Daumen sass ich da, als sich Lindsey Vonn mit 41 Jahren zu ihrem allerletzten Rennen aus dem Starthaus auf die berüchtigte Tofana katapultierte.

Sie wirkte selbstbewusst und fokussiert. Sie wollte gleich zu Beginn Zeit gut machen und fuhr eine aggressive Linie, kam zu nah an ein Tor, blieb hängen und stürzte bei ca. 60 km/h schwer. Als sie zum Liegen kam, war es totenstill im Stadion, nur ihre Schreie waren über die TV-Monitore zu hören. Ich konnte nicht mehr hinsehen und war wie unter Schock! Was musste sie sich nicht alles anhören, als sie vor 1,5 Jahren entschied, noch einmal in den Ski-Weltcup zurückzukehren. «Bescheuert», «saugefährlich», «Show», «Verarschung». Und trotzdem kam sie zurück.

Sie wollte noch einmal bei Olympia gewinnen. Das war ihr Traum! Sie kämpfte sich durch ein hartes Jahr mit Ausfällen und schlechten Platzierungen. Die Kritiker fühlten sich bestätigt. Doch Lindsey gab nicht auf. Sie lernte, passte sich an, trainierte härter und gewann! Lindsey Vonn hat uns gezeigt, was möglich ist, wenn man an sich glaubt. Sie sagte:

Nicht «Ich bin zu alt», sondern «Wie nutze ich mein Alter?»
Nicht «Es ist zu schwer», sondern «Es wird Zeit und Energie kosten.»

Wir haben in unseren Unternehmen genug von denen, die sich auf Erfolgen der Vergangenheit ausruhen und ständig sagen, dass früher alles besser war. Wir brauchen Menschen wie Lindsey, die jeden Tag besser werden wollen und die zutiefst davon überzeugt sind, dass unsere Anstrengung und Einstellung unsere Möglichkeiten definieren.

Und trotzdem bleibt nach diesem Sturz eine unbequeme Frage: Wo enden Mut und Wille – und wo beginnen Tollkühnheit und Fahrlässigkeit? War es zu riskant, mit einem akuten Kreuzbandriss eine der gefährlichsten Strecken der Welt zu fahren?

Gerade dann, wenn klar ist, dass die Folgen eines Sturzes bei einem angeschlagenen Körper ungleich gravierender sind? Ich hatte mit Aleksander Aamodt Kilde eine ähnliche Diskussion. Auch er kommt aus einer schweren Verletzung. Auch sein Traum war es, noch einmal bei Olympia zu starten. Auch er war angereist und bereit zu starten! Nach langen Gesprächen und ehrlicher Reflexion kam er aber unter Tränen zu der Entscheidung, dass es zu riskant ist. Es hat ihm verdammt weh getan, sich einzugestehen, dass er mental und körperlich noch nicht bereit ist für so eine gefährliche Strecke wie die Stelvio.

Es braucht Mut, alles zu geben und nie aufzugeben. Aber es braucht vielleicht noch mehr Mut, die eigene Verletzlichkeit einzugestehen und zu erkennen, wo Draufgängertum endet und Fahrlässigkeit beginnt.

Wir feiern oft nur die Helden, die auf Biegen und Brechen durchziehen. Aber was ist mit den stillen Helden, die erkennen: Noch nicht.

Vielleicht ist genau das die wichtigere Inspiration für die jungen Menschen, die zu den Olympioniken wie Vonn und Kilde aufsehen. 

Dieser Beitrag wurde von Wolfgang Jenewein am 09.02.2026 auf LinkedIn veröffentlicht.

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