Verwundbarkeit ist kein zeichen von schwäche führung

Ein LinkedIn-Post von Wolfgang Jenewein über den öffentlichkeitswirksamen Rücktritt von Max Eberl und Vulnerabilität bei Führungskräften.

Habt ihr es auch gesehen als Max Eberl unter Tränen der Öffentlichkeit erklärte: „Die Person Max Eberl ist erschöpft. Ich bin müde. Ich will raus“ und schliesslich es tue ihm leid, aber er habe keine andere Wahl: „Ich kann nicht mehr“.

Ich war beeindruckt von so viel Offenheit und Verwundbarkeit die Max Eberl vor laufenden Kameras mit der ganzen Welt teilte. Die durchwegs positiven Reaktionen auf diese Pressekonferenz zeigen, was in der Forschung unter „Vulnerability“ schon länger bekannt ist. Es ist eben kein Zeichen von Schwäche und schlechter Führung sich auch einmal verletzlich zu zeigen. Im Gegenteil, es braucht Courage und Selbstvertrauen seine Ängste, Sorgen und eigenen Fehlbarkeiten zu teilen. Gerade in Zeiten wie diesen macht dieses Beispiel Mut: Wir müssen nicht immer perfekt sein, nicht immer stark sein und nicht immer ein Pokerface zeigen, wenn es in uns drin ganz dunkel ist. Studien belegen sogar, dass dadurch unsere Identifikationskraft und Gefolgschaft steigt, weil uns solches Verhalten menschlich und echt macht. 

Auf dieser bemerkenswerten Pressekonferenz sagte Eberl noch etwas: „Ich muss auf den Menschen aufpassen, das ist die höchste Verantwortung, die ich habe, auf meine Gesundheit, auf mich zu achten.“ Ganz im Sinne des im Bild erwähnten Zitats von Drucker. Wie hoch ist Euer Energielevel im Moment? Und wie geht ihr mit dieser ersten und wichtigsten Verantwortung um? In meinem Job treffe ich seit vielen Jahren Führungskräfte aus den unterschiedlichsten Unternehmen, aber noch nie war der Druck so hoch, die Unsicherheiten so vielfältig und die Menschen so müde. Corona, Chipkrise, Rohstoffmangel und jetzt auch noch die Inflation, das sind riesige Herausforderungen, die enormen Einsatz von uns fordern. Trotzdem und gerade deshalb sollten wir jetzt auf uns achten. Wir sollten nicht vieles, sondern das Richtige tun. Wir müssen uns fokussieren und unnötige Projekte, Initiativen und Arbeitskreise endlich stoppen. Und wir müssen lernen uns und unsere Bedürfnisse zu spüren.


Als wir uns kennenlernten fragte ich ihn, warum er mit mir zusammenarbeiten will, da sagte er in seinem nächsten Lebensabschnitt möchte er Wissen und Erfahrungen weitergeben, die über das Boxen hinausgehen. Vor allem der Umgang mit Herausforderungen, das war und ist sein grosses Thema. Er sagte mir immer, es geht darum die Herausforderung anzunehmen, ihr ins Auge zu sehen und nicht davon zu laufen. Challenges kann man nur meistern, indem man das Spiel der Gegensätze beherrscht. Wenn alles laut wird, wird er ganz leise. Er gibt sich voll und ganz einer Sache hin. Er lässt sich nicht ablenken, sondern bleibt im Moment. Er sagt immer, alle Antworten, die wir brauchen, sind in uns: „If you control your mind you control everything“.


Ständig wollen wir es allen recht machen und für alles und jeden da sein, aber wir selbst bleiben auf der Strecke. Zu meinen Coachees sage ich in diesen Zeiten oft, warum bist Du so gemein zu Dir? Du wolltest doch noch mit einem/r Freund/in etwas trinken gehen – keine Chance, ein Meeting ging wieder länger. Du wolltest doch mit Deiner/m Partner/in ins Theater gehen – ging nicht, ich musste noch ein Konzept erstellen. Du wolltest doch endlich wieder einmal Sport machen – wäre schön, aber wir hatten eine Krisensitzung. Alles gute Gründe, aber irgendwann ist es zu spät, wir alle haben nur begrenzte Ressourcen und diese müssen gepflegt werden. Max Eberl hat das jetzt erkannt, hoffentlich nicht zu spät.

Wie seht ihr das? Achtet ihr auf Eure eigene Energie oder tappt ihr auch manchmal in die Falle der Selbstausbeutung? Über eine Reaktion von Euch würde ich mich sehr freuen.

Herzlichst Euer
Wolfgang

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