In Zeiten von KI: Menschlichkeit macht uns unersetzbar
Im Oktober 2023 wurde mir die Ehre zuteil, für den Harvard Business Manager als Kolumnist tätig zu sein. Es war und ist mir ein Anliegen, das Thema Verletzlichkeit für unsere Unternehmen nutzbar zu machen. Der Auftaktartikel trug den Titel: «Superkraft Verletzlichkeit»
Heute, 2 Jahre später, kennen viele das Konzept – den Mut, es auch zu leben, haben aber bisher noch wenige. Gleichzeitig gibt es immer noch viele Missverständnisse, was genau damit gemeint ist. Nachfolgend ein Erklärungsversuch:
«Verletzlichkeit bezieht sich auf den Zustand, in dem man der Möglichkeit ausgesetzt wird, entweder physisch oder emotional verletzt zu werden.» (Brené Brown)
Es geht also darum, sich echt zu zeigen und sich nicht ständig zu verbiegen oder zu maskieren, um ja nicht aufzufallen oder Irritationen auszulösen. Es geht darum, zu seinen Fehlern, Ängsten und Unzulänglichkeiten zu stehen, aber auch für seine Ideen, Vorhaben und Träume mit allem, was man hat und was man ist, einzustehen – auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden.
Aber was heisst das konkret? Ich kann beispielsweise eine Idee pitchen und mich hinter den Empfehlungen von Experten, McKinsey und Co. verstecken, oder ich kann sagen: «Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir das machen sollen. Auch wenn ich damit meine Karriere riskiere – ich stehe mit allem, was ich bin, hinter diesem Projekt.»
Ich kann einen Fehler vertuschen oder einer anderen Abteilung in die Schuhe schieben, oder ich kann sagen: «Es tut mir unendlich leid, ich hab es verbockt. Ich habe nicht sorgfältig genug gearbeitet. Das wird mir nicht noch einmal passieren.»
Ich kann monatelang am Arbeitsplatz den starken Mann/die starke Frau spielen und meine Eheprobleme und die Trauer darüber zu unterdrücken versuchen, oder ich kann sagen: «Meine Ehe bricht gerade auseinander, ich kann seit Wochen nicht mehr richtig schlafen – aus Angst um unsere Kinder und unsere Zukunft. Ich bin im Moment nicht die Führungskraft, die ihr als Mitarbeitende verdient.»
Ja, ich weiss: Sich so zu zeigen ist beängstigend und weckt Sorgen und Scham – gleichzeitig ist es aber auch die Basis für echten Fortschritt. Beginnt nicht jede grosse Innovation mit einem Menschen, der «all in» geht? Entsteht wirkliche Zugehörigkeit und echtes Vertrauen nicht nur dann, wenn Menschen den Mut haben, ihre wahren Gefühle und Unvollkommenheiten zu zeigen? Ganz nach Brené Brown: «Perfektion trennt, Verletzlichkeit verbindet.»
Aber aufgepasst: Zeigt nie Eure Verletzlichkeit in einem Umfeld, welches diese nicht verdient. In toxischen Kulturen, wo jeder Fehler und jede Menschlichkeit ausgenutzt oder gar bestraft wird, ist man gut beraten, sich weiter zu schützen und zu maskieren. Aber wollen wir weiter so arbeiten – und ist das langfristig gesund? In einer Zeit, in der AI und Roboter sowieso vieles besser machen als wir – ist da nicht Verletzlichkeit die letzte Bastion unserer Menschlichkeit?
Dieser Beitrag wurde von Wolfang Jenewein am 14.11.2025 auf LinkedIn veröffentlicht.