Feedback - der Säbelzahntiger unserer Zeit

Wir alle wissen, dass Fehler und Feedback die Quelle von Wachstum und Erfolg sind. Nur, warum fällt es uns dann so schwer, damit umzugehen?

Habt ihr es auch schon bemerkt? Du kannst mit Menschen über alles Mögliche sprechen und eine wirklich gute Zeit haben – bis das Thema Fehler und Feedback aufkommt. Dann wird es plötzlich “eng im Strafraum”. Man weiss nicht recht, ob und wie man das Thema angehen soll, und wenn man es sich dann doch getraut, spürt man förmlich, wie es meist kühler und dunkler im Miteinander wird.

Die Forschung zeigt, dass bei negativem Feedback die Amygdala, das “Alarmzentrum” in unserem Gehirn, aktiviert wird. Kritik wird als soziale Bedrohung aufgefasst und löst die gleichen Stressreaktionen aus wie bei physischer Gefahr. Adrenalin, Cortisol sowie Puls und Blutdruck steigen. Wir legen die Stirn in Falten und nehmen die Schultern nach vorne. Was früher der Säbelzahntiger war, ist heute das kritische Feedback. Unsere Reaktion ist dann meist ganz ähnlich wie damals bei unseren Vorfahren: “Fight”, “Flight” or “Freeze”!

Wer sich aber dessen bewusst ist und seine Körperreaktionen beobachten kann, schafft die Grundlage dafür, souverän und offen gegenüber Feedback zu bleiben. In der Literatur nennt man das “Stepping out”, es ermöglicht uns, über uns hinauszutreten und zu verstehen, was gerade mit uns geschieht. Es schafft die Basis für Selbstregulierung und Lernen.

Diverse Studien bestätigen, dass Teams mit einer hohen Fehler- und Lernkultur im Vergleich zu durchschnittlichen Teams – bspw. in Callcentern – eine signifikant höhere “First Call Resolution”, bei Operationen im Krankenhaus signifikant weniger Komplikationen und in Industriebetrieben signifikant weniger Nacharbeitungskosten haben.

Profisportler:innen kennen die Vorzüge von ehrlichen Rückmeldungen. Es ist ihr täglich Brot – nach jedem Spiel und jedem Training. Positives wie Negatives, das ist selbstverständlich, und auch wenn es manchmal weh tut, wissen sie doch, dass es die Grundlage für Excellence ist.

Einmal konnte ich mit Giannis Antetokounmpo, einem der besten Basketballspieler der Welt, und seinen Brüdern über Fehler und Feedback im Sport sprechen. Ich fragte sie, wie sie mit Niederlagen und Fehlern umgehen. Daraufhin schaute mich Giannis an und sagte: Im Sport gibt es keine Fehler, jeder Fehler ist ein Schritt zum Erfolg. Er hält es mit Nelson Mandela: „I never lose, I either win or learn.“

Das werde ich nie vergessen, und ich denke, es wird Zeit, dass wir auch in unseren Organisationen den Mut haben, den “Säbelzahntiger” zu umarmen – ganz nach dem Motto: “Danke Fehler, du bist mein Coach.”

Dieser Beitrag wurde von Wolfang Jenewein am 06.11.2025 auf LinkedIn veröffentlicht.

© , Jenewein AG