Es geht um so viel mehr als zu gewinnen!

Es geht um so viel mehr als zu gewinnen!

Wolfgang mit Kilde in dicken Jacken vor einer Hütte mit Schnee auf dem Dach

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn am Start beim Super-G von Copper Mountain stehen sah. Aleksander Aamodt Kilde, einen der grössten Skifahrer unserer Zeit.

Mir kamen all die dunklen Momente der letzten 22 Monate in den Sinn: die unsäglichen Schmerzen nach der Operation. Die Zeit im Rollstuhl als er nach der OP seine Beine nicht mehr spürte. Die Panikattacken und Zukunftsängste. Nach ersten kleinen Fortschritten dann der neuerliche Rückschlag. Ein Bakterium in der Schulter, das eine Blutvergiftung ausgelöst hatte. Vier weitere Operationen waren nötig, um die Schulter zu reinigen und die Anker, welche das Bakterium angriff, neu zu justieren.
Aber noch stärker als die körperlichen waren die mentalen Schmerzen. An ein Comeback war nicht zu denken, die Ärzte sagten einmal: Es geht jetzt nicht mehr ums Skifahren, sondern ums Überleben. Das war der Tiefpunkt. Wochenlang durfte er sich nur 15 Minuten am Tag bewegen, damit das Antibiotikum endlich wirkt.

Aleksander war traurig und traumatisiert. Er hatte tiefe Ängste und grosse Sorgen. Ob er je wieder Rennen fahren kann? Wie es weitergeht? Und warum das alles ihm passieren musste? In einem unserer Gespräche sagte ich ihm: «Zu akzeptieren, was ist, ist mit das Schwerste im Leben. Du bist derzeit kein Athlet mehr, aber das Leben hält noch so viel mehr für dich bereit, wenn du anerkennst, was ist, und dich auf das Neue einlässt.»

Er mochte nicht, was er hörte, und es dauerte einige Tage, aber dann fing er an, die Chancen auch in dieser Tragödie zu sehen. Er begann eine Online-Weiterbildung, lernte viel über mentale Stärke und sah von da an jeden Tag als Geschenk. Er setzte sich Mikroziele, z. B. den linken Arm nur 1 cm höher heben zu können, und war jeweils mächtig stolz, wenn er sie erreichte.

Seine Stimmung hellte sich auf, und er erkannte immer besser, dass er seine Gefühle kontrollieren und sogar steuern kann. Wir besprachen oft, dass seine negativen Emotionen wie Vögel in einer Markthalle sind – sie fliegen rein, sie fliegen aber auch wieder raus…

Einmal sagte er mir: «Einfach nur zurückzukommen auf die grösste Bühne des Skisports – das ist mein Traum.» Letzten Donnerstag wurde dieser Traum Wirklichkeit. Aleks wurde am Ende 23., aber darum geht es nicht. Es geht im Leben um so viel mehr als ums Gewinnen. Es geht darum, auch in schweren Zeiten wie diesen nicht aufzugeben. Das Negative zu akzeptieren und jeden Tag weiterzukämpfen. Das ist der Human Spirit, der in jedem von uns brennt wie ein stilles Feuer, das dem grössten Sturm standhält. Aus Mut, Mitgefühl und unerschütterlicher Hoffnung formt er Brücken über Abgründe und macht uns fähig, über uns hinauszuwachsen.

Ich hatte das Glück, in meinem Leben viele Athleten und Athletinnen begleiten zu dürfen, aber Aleksander Aamodt Kilde ist mehr als ein Sportler – er ist ein Held für mich. Ein Vorbild für Willenskraft, Ausdauer und Zuversicht.

Dieser Beitrag wurde von Wolfang Jenewein am 01.12.2025 auf LinkedIn veröffentlicht.

© , Jenewein AG