Dieses 40 Jahre alte buch beschreibt unsere gegenwart perfekt
In letzter Zeit bin ich oft fassungslos, wenn ich politische Diskussionen verfolge – insbesondere jenseits des Atlantiks, aber auch in unseren Breitengraden. Ich frage mich dann oft, wie wir eigentlich hier gelandet sind.
Alles wirkt wie eine Show. Sehr viel Lärm. Viele Emotionen. Kaum Substanz. Und dabei geht es um wichtige Themen.
Da musste ich an ein Buch denken, das ich vor Jahren mal gelesen habe. „Amusing Ourselves to Death“ wurde 1985 von Neil Postman geschrieben. Es ist alt, aber beschreibt die heutige Lage perfekt.
Die zentrale These ist: Nicht der Inhalt bestimmt, wie wir denken. Sondern das Medium, über das er vermittelt wird.
Jedes Medium hat eine eigene, innere Logik.
Bücher fördern ruhiges, logisches Denken und Geduld. Man liest, denkt nach, bleibt bei einem Argument stehen.
Das Fernsehen hingegen lebt von Bildern, Tempo und Emotionen. Es muss unterhalten.
Wenn aber Unterhaltung zum wichtigsten Ziel wird, verändert sich zwangsläufig auch das, worüber wir sprechen – und wie wir sprechen.
Postman erklärt das mit zwei bekannten Zukunftsbildern:
George Orwell hatte Angst vor einer Welt, in der Menschen durch Gewalt und Kontrolle unterdrückt werden. Aldous Huxley fürchtete eine Welt, in der Menschen freiwillig aufhören zu denken – weil sie ständig abgelenkt und unterhalten werden.
Wir sind näher bei Huxley. Wir werden nicht durch Gewalt kontrolliert. Wir lassen uns ablenken.
Besonders interessant ist sein Blick auf Politik. Er zeigt, wie politische Debatten sich mit dem Fernsehen verändert haben.
Früher dauerten politische Debatten mehrere Stunden. Die berühmten Gespräche zwischen Lincoln und Douglas im 19. Jahrhundert gingen bis zu acht Stunden. Die Menschen konnten aber folgen. Sie hörten zu und dachten mit.
Dann kam das Fernsehen. Und plötzlich zählte nicht mehr das Argument, sondern das Auftreten. Bei den TV-Debatten zwischen Kennedy und Nixon fanden Radiohörer Nixon überzeugender. Fernsehzuschauer hingegen Kennedy – weil er besser aussah und charismatischer/sympathischer wirkte.
Seitdem gewinnt oft nicht der mit den besten Ideen, sondern der, der am besten rüberkommt.
Postman sieht das gleiche Problem in den Medien und in der Bildung.
Nachrichten kommen als einzelne Schlagzeilen. Ohne Zusammenhang. Ohne Hintergrund. Wir sind informiert, kennen aber die Zusammenhänge nicht.
Auch Lernen soll heute vor allem Spass machen. Stichwort Edutainment. Letztens fragte mich ein Kunde zu Beginn eines Workshops: “Na, wie wollen sie uns unterhalten?”
Postmans Warnung ist, dass eine Gesellschaft, die alles in Unterhaltung verwandelt, langsam ihre Fähigkeit verliert ernsthaft zu diskutieren.
Demokratie stirbt dann nicht durch Gewalt – sondern durch Gleichgültigkeit.
Postman schrieb über Fernsehen. Heute haben wir Social Media, Feeds, Reels, Likes und Dauerreize. Wir müssen entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.
Dieser Beitrag wurde von Zani Sharifi am 07.01.2026 auf LinkedIn veröffentlicht.