Ein Hoch auf die Anstrengung

Ein Hoch auf die Anstrengung

KI macht vieles leichter. Trotzdem wählen immer mehr Führungskräfte bewusst den schweren Weg. Warum Anstrengung ein Signal für Wachstum ist und was Nvidia-Chef Jensen Huang dazu sagt.

ein Beitrag von
Wolfgang Jenewein

Dieser Kommentar erschien am 20. April 2026
im Harvard Business Manager.

 

Zur Kolumne

Effizienz ist zur dominanten Tugend geworden – KI sei Dank. Wer heute noch denkt, statt zu prompten, gilt schnell als rückständig. Wer Überstunden macht, statt Grenzen zu setzen, als gestrig. Doch diese Haltung hat einen hohen Preis.

Ich erlebe zurzeit etwas, das mich aufhorchen lässt. An der Universität und in der Arbeit mit Executive-Teams höre ich immer häufiger den Satz: «Das gehen wir jetzt erst mal ohne KI an.» Das geschieht nicht etwa aus Verweigerung oder Nostalgie heraus. Sondern als bewusste Entscheidung. Menschen, die KI täglich nutzen, wählen in bestimmten Momenten den schwereren Weg. Weil sie ahnen, dass etwas verloren geht, wenn sie es nicht tun.

Dieser Instinkt trifft auf eine aktuell heiss geführte Debatte: Sind bestimmte Generationen überhaupt noch bereit, sich anzustrengen? Sind sie faul oder klug? Sollten wir Grenzen setzen oder Verantwortung vermeiden? Die Diskussion ist oft laut – geht jedoch meist am Kern vorbei.

«Anstrengung ist häufig eben kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Sie ist das Signal, dass etwas Wichtiges passiert.»

Der CEO, der Leiden empfiehlt

Ausgerechnet der Mann, dessen Chips die KI-Revolution erst möglich machen, gibt unerwartete Thesen preis. Jensen Huang, CEO von Nvidia und einer der einflussreichsten Technologieunternehmer der Welt, sagte kürzlich vor Stanford-Studenten einen beachtlichen Satz: Er wünsche ihnen reichlich Schmerz und Leid.

Was wie eine Provokation klingt, ist Huangs ernst gemeinte Führungsphilosophie. Charakter sei die Grundlage von Grösse – und nicht Intelligenz. Charakter entstehe nicht bei denen, die es leicht hatten, sondern bei denen, die gelitten haben. Nvidia selbst ist der Beweis: Drei Jahrzehnte lang kämpfte sich das Unternehmen durch gescheiterte Produkte, riskante Wetten und Beinahepleiten – bevor es zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufstieg. Huang wiederholt diese Geschichten des Scheiterns intern bewusst. Er nutzt den Begriff «Pain and Suffering» bei Nvidia gezielt und mit leuchtenden Augen. Weil er überzeugt ist, dass genau diese Reibung den Charakter eines Unternehmens schärft.

Dabei ist die Logik hinter dem Zeitgeist der Vereinfachung nicht grundlegend falsch. Positive Emotionen wie Optimismus und Freude fördern nachweislich Hochleistung und Flow. Das ist keine Wellness-Romantik, sondern solide Forschung. Wer in einem psychologisch sicheren Umfeld arbeitet und seine Stärken einsetzen kann, der leistet in der Regel mehr.

Das Problem ist die Schlussfolgerung, die viele daraus ziehen: Wenn positive Emotionen gut sind, gilt es, negative zu vermeiden. Wenn Anstrengung sich schlecht anfühlt, so das Denken, läuft etwas falsch. Also gilt: Optimiere den Weg, bis er sich leicht anfühlt. Diese Logik ist verführerisch. Doch sie übersieht elementare Facetten von wahrer Hochleistung und Freude.

«Manche Fähigkeiten entstehen nur durch Reibung. Manche Erkenntnisse reifen nur durch Verwirrung.»

Die 20-Prozent-Regel

Todd Kashdan und Robert Biswas-Diener, zwei der renommiertesten Forscher der positiven Psychologie, nennen das den 20-Prozent-Vorsprung: Wer bereit ist, auch die schwierigen emotionalen Zustände zu durchleben, hat Zugang zu einer Leistungsreserve, die dem ewigen Optimierer verschlossen bleibt. Ihr Schlüsselbegriff: emotionale Agilität – die Fähigkeit, das gesamte Spektrum zu nutzen, nicht nur die angenehmen Zustände. So entstehe Extra-Performance.

Ein Beispiel aus ihrem Buch «The Upside of Your Dark Side»: Arbeitnehmer, die morgens schlecht gelaunt starten und erst im Laufe des Tages in eine bessere Stimmung kommen, sind nachmittags tiefer in ihre Aufgaben versenkt als jene, die von früh bis spät gut drauf waren. Anstrengung ist häufig eben kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Sie ist das Signal, dass etwas Wichtiges passiert.

Persönlich kenne ich dieses Gefühl gut. Mit Ü55 gehöre ich zu den Top 50 meiner Altersgruppe im CrossFit weltweit. In meiner Altersgruppe treten zwar deutlich weniger Menschen an. Doch der Weg dorthin war eine ziemliche Quälerei. Kein Flow, kein Wegoptimieren. Sondern immer wieder antreten, auch wenn es wehtat. Warum ich mir das angetan habe? Unter anderem, weil ich meinen noch recht jungen Kindern zeigen wollte, dass es nie zu spät ist, sich hohe Ziele zu setzen. Und dass sie zwar einen schon etwas älteren, aber trotzdem fitten Vater haben. Das war es mir wert.

Optimiert oder gelebt

Die Führungskräfte, die ich beobachte und eng begleite, spüren immer häufiger etwas Ähnliches. Sie entscheiden sich in manchen Momenten für den schwierigen Weg, ohne damit Effizienz oder Technologie abzulehnen. Sie haben erkannt: Manche Fähigkeiten entstehen nur durch Reibung. Manche Erkenntnisse reifen nur durch Verwirrung. Und der Stolz auf eine besondere Leistung hat eine andere Qualität, wenn man den Weg dorthin wirklich gespürt hat.

Es geht nicht darum, die Errungenschaften von KI kleinzureden. Im Gegenteil: KI befreit uns von stupider Routinearbeit und schafft Raum für Wachstum – und das ist ein Geschenk. Die entscheidende Frage ist, was wir mit dieser Freiheit anfangen. Wo setze ich bewusst Prioritäten, um mich weiterzuentwickeln – nicht nur als Führungskraft, sondern als Mensch?

Es sind diese Entscheidungen, die den Unterschied machen. Nicht zwischen Effizienz und Anstrengung. Sondern zwischen einem Leben, das optimiert wird – und einem, das gelebt wird.

Drei Fragen für Managerinnen und Manager

  1. Wo in meiner aktuellen Arbeit wähle ich den leichteren Weg –
    und ahne, dass mir dadurch etwas entgeht?
  2. Welche Fähigkeit oder Erkenntnis verdanke ich einer Phase,
    die sich zunächst nicht gut angefühlt hat?
  3. Wenn KI mir morgen drei Stunden am Tag schenkt –
    wofür würde ich sie nutzen, was mich wirklich weiterbringt?

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